Viele, viele Jahre wusste ich nicht, dass ich introvertiert bin. Woher auch? Niemand hatte mir gesagt, dass ich eine stille Frau bin.

Als Kind habe ich mich gerne in meine Karl May Bücher vertieft, in den wilden Westen „gebeamt“ und von den Weiten der Prärie geträumt. Als Mädchen träumte ich wie so viele vom eigenen Pferd und das war für mich die schönste Art mir diesen Traum zu erfüllen.

Meine Mutter musste mich nachmittags nach den Hausaufgaben regelrecht „aus dem Haus jagen“, damit ich mich mit anderen Jugendlichen getroffen habe. Ich weiß gar nicht, wie oft wir Jungs und Mädels im Wald ein „Lager gebaut“ haben, mit Blätterdächern und einem imaginären Lagerfeuer. Unsere Fahrräder waren unsere Pferde und wir sind über die Feldwege „geritten“ als wenn eine ganze Horde Indianer hinter uns her wäre. 😊

Und wenn es mir nicht nach Gesellschaft war, dann bin ich zu meiner Oma, habe mich mit Kuchen und Kakao verwöhnen lassen oder war im Garten alleine auf der Schaukel. Und habe es genossen!

Damals wussten die Erwachsenen noch nichts von Introversion. Mir wurde immer gesagt ich sei zu schüchtern und soll mir doch mal was zutrauen und aus mir rausgehen.

Die hatten leicht reden. Keiner konnte mir sagen, wie das geht. Und als Reaktion auf solche Sätze habe ich mich nur noch mehr in meine Welt zurückgezogen.

 

Lasst mir doch einfach meine Ruhe, war oft meine Reaktion, je älter ich wurde.

 

Als es dann um einen Ausbildungsberuf ging, war ich überfordert. Was macht mir Spaß? Von fremden Ländern träumen. Also dachte ich mir Reiseverkehrskauffrau wäre doch etwas für mich. Doch zum damaligen Zeitpunkt war keine Ausbildungsstelle zu finden. Ich hätte es sogar auf mich genommen täglich 50 km mit der Bahn nach Würzburg zu fahren. Keine Chance. Die Stellen waren zu rar.

Ich machte einen Ferienjob in einem Industriebetrieb um mal in einen Betrieb reinzuschnuppern. Nach 4 Wochen wusste ich, was ich definitiv nicht wollte. Kein großes Unternehmen, in dem ich mir vorkam wie eine „Nummer auf einer Stechkarte“. Die gab es damals tatsächlich schon. Als mir dort nach meiner Bewerbung ein Ausbildungsplatz angeboten wurde, lehnte ich ab. Ich hatte parallel ein Angebot einer kleinen Firma mit knapp 200 Mitarbeitern, da fühlte ich mich schon beim Vorstellungsgespräch wohler.

Zuckerschlecken war die Ausbildung keine. Einerseits war es sehr interessant, da ich viele Bereiche in kurzer Zeit kennenlernen durfte. Andererseits durfte ich von Anfang an sehr viel Verantwortung übernehmen. Das hat zwar meinen Selbstwert aufgebaut, aber ich hatte einen Heidenrespekt davor, wenn ich als „Stift“ mit viel Geld in der Tasche zur Bank gelaufen bin. Die Gedanken, was machst du, wenn dich jetzt jemand überfällt oder dir nur ansieht, dass du tausende von Mark in der Tasche hast, waren währenddessen immer präsent. Aber mit jedem Mal wurde es besser und ich wurde selbstbewusster.

Wenn ich so darüber nachdenke, bin ich damals das erste Mal mit meiner Komfortzone in Kontakt gekommen und durch die „Botengänge“ über mich hinausgewachsen. Nach einigen Wochen fühlte es sich nicht mehr seltsam an und ich ging ganz stolz durch die Stadt zur Bank.

Sollten doch die Räuber kommen, ich schlag sie in die Flucht. 😉

 

Überlege mal, wann du das erste Mal in deinem Leben deine eigene Komfortzone als stille Frau verlassen hast. Und wie hast du dich danach gefühlt?

 

Nach meiner Ausbildung wollte ich weiter lernen und bin in einen anderen Betrieb gewechselt, einem noch kleineren. Dort lernte ich erneut viel dazu doch mir war gut nie gut genug. Also fing ich an nebenberuflich meinen Betriebswirt zu machen. Und dann kam der Knall: Die Baukonjunktur lag am Boden und ich war die einzig ledige Angestellte im Haus, also hieß es: Du darfst gehen.

Puhh, gerade 21 Jahre jung. Eben die eigene Wohnung bezogen und plötzlich stehst du auf der Straße. Da wurde mir erst mal ganz schön mulmig.

Aber ich bin eine Macherin und hadere nicht lange. Nach dem ersten Schock nahm ich mein Leben wieder selbst in die Hand und bewarb mich. Innerhalb von zwei Wochen hatte ich plötzlich zwei Angebote, nicht zuletzt wegen meiner Weiterbildung und das obwohl ich eine stille Frau bin. 🙂

Bei meinen Vorstellungsgesprächen hörte ich auf meinen Bauch und entschied mich für einen größeren Betrieb als bisher.

Dort konnte ich mich zunächst voll und ganz auf mein eingegrenztes Aufgabengebiet konzentrieren. Die vielen neuen Gesichter und Namen kosteten mich schon Anstrengung genug. Gesichter kann ich mir ja sehr gut merken. Auch nach vielen Jahren checke ich sofort, wenn mir schon mal jemand begegnet war. Aber die Namen dazu? Das kostet viel Energie. Warum wusste ich nicht.

Nach Abschluss meiner Weiterbildung zog es mich zur nächsten Fortbildung und wieder zur nächsten. Ich konnte nicht erklären, warum ich der Meinung war in jedem neuen Bereich eine Weiterbildung zu brauchen. Es macht mir einfach Spaß Neues zu lernen. Interessante Menschen kennen zu lernen und nicht, wie viele andere Kollegen, auf dem „Stuhl zu kleben“ auf dem sie sich vor Jahren gesetzt haben und erstarrt sind.

Nachdem ich zwölf Jahre im Vertrieb gearbeitet hatte, davon alleine acht Jahre im Sekretariat der Vertriebsleitung, hatte ich Lust Neuland zu entdecken. Ich wechselte in die Personalabteilung und dort blühte ich auf. Ich konnte endlich meine Talente und Stärken richtig einsetzen.

Was soll ich sagen, auch hier wollte ich weiterkommen und bei meinem Praxisstudium zur Berufspädagogin kam ich das erste Mal mit Coaching in Berührung und war fasziniert. Oder besser gesagt: Infiziert. 😊

Ein Coach unterstützt dich dabei eine berufliche oder private Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten und durch prozessorientierte Fragen Anregungen zu neuen Lösungsansätzen zu finden.

Dabei bleibst du als Klient immer Experte für dein Anliegen und der Coach Experte für die Prozesssteuerung.

Ich ging auf die Suche nach einem guten Anbieter für eine Coachingausbildung. Denn wenn ich von einer Idee begeistert bin, dann bleibe ich an dem Thema dran.

Nach wenigen Wochen sagte mein Coach zu mir: „Brigitte, du darfst loslassen. Du musst nicht alles in der Hand haben. Ich weiß, du bist introvertiert, aber lass los.“

 

„Ich bin was?“ – Ich habe meinen Coach angeschaut wie ein „Eichhörnchen, wenn es blitzt“. ICH INTROVERTIERT ? Eine stille Frau? Nee…(fränkisch für Nein)

 

Der Satz ließ mich das ganze Schulungswochenende nicht los und ich recherchierte, was hinter Introversion steckt. Und endlich hatte ich die Lösung, die ich soooo viele Jahre gesucht hatte. Es passte „wie die Faust auf’s Auge“.

Ich lernte, dass ich auch als introvertierte, also stille Frau, richtig bin, so wie ich bin und enorme Stärken habe, die mir bisher nie als Stärken bewusst waren.

Dass bei Introvertierten die neurobiologischen Abläufe anders laufen als bei Extrovertierten hat mich erstaunt. Der Mensch, das unbekannte Wesen. Unser Nervensystem, also das der Intros, ist auf Konzentration, Selbstreflexion und Lernen ausgerichtet.

Kein Wunder also, dass ich mir selbst nicht gut genug war und immer mehr dazu lernen will.

5 Stärken von Introvertierten:

Stärke 1:   

Konzentration. Wir fokussieren all unsere Energie gerne auf ein Thema, das gerade ansteht. Da bleiben wir hartnäckig dran, bis es zu einem für uns guten Ergebnis kommt. Wobei wir uns aber gerne mit unserem Hang zum Perfektionismus selbst im Weg stehen.

Stärke 2:   

Zuhören. Wir sind gute Zuhörer und merken auch Zwischentöne, die andere Gesprächspartner nicht gleich merken. Und auch hier ist es so, dass wir durch unsere Introversion die Dinge viel mehr durchdenken müssen.

Stärke 3:  

Ruhepol. Introvertierte ruhen in sich. Zumindest wirkt es nach außen so. Auch wenn wir mal aufgeregt sind. Das beruht darauf, dass wir uns besonders gut auf die Gespräche konzentrieren und wenn wir einen Beitrag zum Gespräch leisten, dann hat der „Hand und Fuß“ und ist gut durchdacht.

Stärke 4:     

Einfühlungsvermögen. Wir können uns sehr gut in unser Gegenüber hineinversetzen. Die Gefühle die dort entstehen, können wir sehr gut nachvollziehen. Was zur Folge hat, dass wir gleichzeitig Konflikten eher aus dem Weg gehen und friedlich leben wollen.

Stärke 5:     

Ausdauer. Wir Intros haben einen langen Atem. Wenn wir etwas wollen, bleiben wir dran und lassen uns von Hindernissen nicht so schnell aus der Bahn werfen. Geduld haben ist eine Gabe, die sehr stark wirkt.

Zu wissen, dass ich eine stille Frau bin, wie ich ticke und vor allem warum ich so ticke war für mich ein Befreiungsschlag.

 

Ich wusste endlich, warum mir Krimis am Sonntagabend ein Gräuel sind und viel lieber mit einer romantischen Liebesgeschichte von Rosamunde Pilcher das Wochenende ausklingen lasse.

Kennst du noch den Satz von Patrick Swayze aus dem Film Dirty Dancing

„Das ist mein Tanzbereich und das ist dein Tanzbereich.“

Der hat mich 1987 schon fasziniert. Warum wusste ich damals nicht.

Für mich ist das inzwischen ein Symbol der Abgrenzung von anderen. In meinen Tanzbereich lasse ich Menschen, die mir gut tun. Alle anderen müssen draußen bleiben. Bis heute suche ich mir meine Freunde sehr sorgfältig aus und lasse nur diejenigen in „meinen Tanzbereich“, mit denen ich mich sehr verbunden fühle. Daher lassen sich meine echten Freunde an zehn Fingern abzählen.

Das ist bei vielen Introvertierten so. Wer aber eine stille Frau als Freundin hat, kann sich sehr glücklich schätzen. Sie sind treu, hören zu und machen ab und an auch mal eine verrückte Idee der extrovertierten Freunde mit. Wenn es der eigene Energielevel zulässt.

Auch wenn es nur aus dem Grund ist, damit ich als Intro wieder mal so richtig aus meiner Komfortzone komme.

Also: Genieße es eine introvertierte Frau zu sein und schau‘ mal, wo du heute deine Komfortzone erweitern kannst. Denn daran wächst du. Viel Spaß dabei. 😊

Schreib mir gerne im Kommentar, wo du dich aus deiner Komfortzone getraut hast. Das interessiert mich wirklich.

Lass deinen Schmetterling fliegen

Deine Brigitte